Sprache ist verbales Kraulen

Vortrag von Fredrik Vahle beim sechsten Wetzlarer Bibliothekstag
Wetzlar (bon). Zum sechsten Mal haben am Montag die Stadtbibliothek und die Phantastische Bibliothek Wetzlar sowie die mit ihnen zusammenarbeitenden Organisationen zum “Wetzlarer Bibliothekstag” eingeladen. Unter dem Motto “In vielen Sprachen zu Hause” boten die Veranstalter vor allem Vertretern kleinerer Bibliotheken und pädagogischen Fachkräften aus Kindertagesstätten, Tagespflege und Schulen Spannendes rund um Zwei- und Mehrsprachigkeit.
Das Bild trügt: Alles andere als einschläfernd war der Workshop mit Fredrik Vahle (Mitte), in dem (von links) Nina Rußmann, Manuela Hammer und Katja Gaul-Schmidt Fingerspiele und musikalische Bewegung ausprobierten.(Foto: Bonacker)zoomDas Bild trügt: Alles andere als einschläfernd war… | mittelhessen.de
Von den Chancen der Mehrsprachigkeit sprach Oberbürgermeister Wolfram Dette (FDP) in seinem Grußwort, verlor aber auch die Risiken nicht aus den Augen, die das Aufwachsen mit vielen Sprachen möglicherweise bergen kann. Mehrsprachigkeit werde dann zum Problem, so Dette, wenn Kinder zu sehr zwischen den Sprachen lebten, keine Sprache mehr wirklich beherrschten. So gelte es in Deutschland schon in den Kindergärten, spätestens aber in den Schulen zu gewährleisten, dass wenigstens die deutsche Sprache richtig gelernt würde, um den Grundstein für Chancengleichheit im Beruf zu legen.
Karin Bahlo griff diesen Ansatz in ihrem anschließenden Beitrag auf, plädierte aber dafür, durchaus auch den (für deutsche Vermittler vielleicht mühsamen) Umweg über die Muttersprache der Kinder zu gehen. Wichtig für mehrsprachig aufwachsende Kinder sei, ein gutes Gefühl für Sprache zu entwickeln. Mache man den Kindern bewusst, wie Sprache funktioniert, wo Parallelen und wo Unterschiede bestünden, helfe man ihnen in besonderem Maße zu eigenständigem Denken. Von großem Wert sei hier die interkulturelle Kompetenz: Sprache bilde Kultur ab und spiegele somit auch das Denken der Menschen.
Ein Ausspruch des Philosophen Ludwig Wittgenstein (1889-1951) prägte die Vorträge und Kurse der Veranstaltung: “Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.” Begegne man den fremdsprachigen Kindern mit der Einstellung “Lern du erstmal deutsch!” hieße dies, seine Grenzen sehr eng zu setzen.
Wie richtig mit fremdsprachigen Kindern ins Gespräch kommen?
Es gelte, so Patricia Hahne-Wolter vom SchauHör-Verlag Köln, nach Alternativen zu suchen, wie man mit fremdsprachigen Kindern ins Gespräch kommen könne. Damit bestätigte sie, was auch Bettina Twrsnick von der Phantastischen Bibliothek und Karin Bahlo schon geäußert hatten: Dass die oftmals gemachte Beobachtung, ein Kind ,spreche nicht, weniger mit dem Kind zu tun habe als vielmehr mit dem Gesprächspartner, der nicht in der Lage sei, im richtigen Maße auf das Kind einzugehen. Von ihren Erfahrungen in diesem Zusammenhang berichtete die Erzieherin und Fachfrau für frühkindliche Sprachförderung und interkulturelle Kompetenz, Martina Ducqué.
Dass Sprache eine Weiterentwicklung des gegenseitigen Lausens bei Primaten sei, verriet Soziolinguist und Liedermacher Fredrik Vahle: “Sprache ist verbales Kraulen”, sagte er in seinem Vortrag, in dem er sich nicht nur auf eine humorvoll-philosophische Suche nach dem “Ich” machte, sondern vor allem auf die Zusammenhänge zwischen Musik und Sprache einging.
Die Leichtigkeit, mit der er dabei ganz nebenbei die 80 Teilnehmer unvorbereitet zum Singen brachte, sprach für die positive Stimmung auf der Veranstaltung, auf der jeder in ganz unterschiedlicher Weise Anregungen und Ideen für die alltägliche Arbeit mitnahm.
Zwei- und Mehrsprachigkeit ist auch das Jahresmotto des Wetzlarer Zentrums für Literatur. In Kursen und einer Ringvorlesungsreihe können Interessierte sich weiter über dieses Thema informieren. Mehr dazu gibt es im Zentrum für Literatur. Turmstraße 20, 35578 Wetzlar, (06441) 400140, E-Mail: zfl@phantastik.eu
Weitere Informationen:
Flyer http://www.wetzlar.de/media/custom/370_10188_1.PDF
Bibliothekstag Wetzlar: Chancen und Probleme von Mehrsprachigkeit erörtert
Wetzlar (mab). Die Chancen und Probleme mehrsprachig aufwachsender Kinder standen kürzlich im Mittelpunkt der sechsten Auflage des Wetzlarer Bibliothekentages. Unter dem Motto »In vielen Sprachen zu Hause« hatten Stadtbibliothek und Phantastische Bibliothek zu einer interdisziplinären Tagung eingeladen.
Ihre Zielgruppe: Vertreter kleinerer Büchereien sowie pädagogische Fachkräfte.
»Lern Du erstmal Deutsch!« – oft sind fremdsprachige Kinder mit diesem Satz konfrontiert. Doch wer in seiner Anderssprachigkeit nicht angenommen wird, sondern Geringschätzung oder gar Ablehnung erfährt, wird schon in frühester Kindheit in der Entwicklung entscheidend gebremst. Schlimmstenfalls führt es dazu, dass die Kleinen zwischen zwei Sprachen geraten: Die eigene erleben sie als minderwertig und erlernen sie deshalb nicht voll, die deutsche beherrschen sie aber auch nicht fehlerfrei. Auf solche Risiken machte Oberbürgermeister Wolfram Dette (FDP) in seinem Grußwort aufmerksam und plädierte dafür, dass Kindertagesstätten und Schulen sich in hohem Maße um die Vermittlung der deutschen Sprache bemühen. Ziel müsse es sein, die Chancen der Mehrsprachigkeit zu nutzen und die Risiken zu vermindern. Für ein Begreifen der sprachlichen Diversität als Normalität sprachen sich Bettina Twrsnick von der Phantastischen Bibliothek und Karin Bahlo aus, die die Modulgruppe »Sprache und Literacy« für den hessischen Bildungsplan repräsentierten. Sprache bilde letztlich Kultur ab, spiegele also das Denken wider. Somit seien Menschen mit Migrationserfahrung gegenüber einsprachig aufwachsenden eigentlich klar im Vorteil. Trotzdem komme es immer wieder zu Situationen, in denen Erzieher oder Lehrer hilflos vor einem Kind stünden, das »nicht spricht«. »Wenn ein Kind sein Potential nicht wirklich ausschöpft, ist es nicht sein Fehler. Es ist an seinem Gegenüber, es dort abzuholen, wo es steht«, so Karin Bahlo. Doch das sei nicht einfach, schließlich würden Pädagogen im beruflichen Alltag heute mit einer Vielzahl an Sprachen konfrontiert. Patricia Hahne-Wolter vom SchauHör-Verlag in Köln stellte mehrsprachige Bilderbücher vor, die auf die Problematik eingehen. Erzieherin Martina Ducqué, die in frühkindlicher Sprachförderung und interkultureller Kompetenz ausgebildet ist, berichtete von Projekten und Erfahrungen. Begeisterung löste Soziolinguist und Liedermacher Fredrik Vahle aus, der den rund 80 Teilnehmern mit »Paule Puhmanns Paddelboot« praktische Lieder und Sprachspiele an die Hand gab und sie spontan zum Mitsingen animierte. Workshops rund um das Thema Mehrsprachigkeit halfen, die verschiedenen Ansätze zu vertiefen.
(Quelle:

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